Nach massiven terroristischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur leidet die Ukraine unter einem katastrophalen Strommangel – sowohl bei der Stromerzeugung als auch bei den Verteilungskapazitäten.
Dank des heroischen Einsatzes der Energiearbeiter, die unter Beschuss und Bombardierungen Stromleitungen wiederherstellen, wird Elektrizität nach instabilen Zeitplänen in ukrainische Haushalte, Krankenhäuser und Industriebetriebe geliefert. Die Kosten für den Wiederaufbau der Energieversorgungssysteme werden in Jahren und in Dutzenden Milliarden Dollar gemessen. Die dafür notwendigen Mittel werden weltweit gesucht. Das Land ist erheblich von Stromimporten, dem Aufbau neuer diversifizierter alternativer Energiequellen sowie vom technischen Zustand der Kernenergieanlagen abhängig geworden.
Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Monaten im ukrainischen Informationsraum Angriffe auf das zentrale Energieverwaltungsorgan – den Verteilnetzbetreiber „Ukrenergo“ – entfaltet. Seit Beginn des Herbstes 2022 sieht sich das Unternehmen mit einer Vielzahl absurder Vorwürfe konfrontiert – von angeblich korrupten Transformatorbeschaffungen bis hin zum Kauf von kugelsicheren Westen zu überhöhten Preisen zu Beginn des Krieges. Kürzlich verpflichtete das Hohe Antikorruptionsgericht das Nationale Antikorruptionsbüro und später das Staatliche Ermittlungsbüro, ein Verfahren gegen den ehemaligen Leiter von „Ukrenergo“, Wolodymyr Kudryzkyj, angeblich wegen Korruptionsvorwürfen einzuleiten.
Laut der lokalen Antikorruptionspublikation „Nashi Groshi“ könnten die ersten Angriffe von Vertretern des Energieministeriums und des Präsidialamtes organisiert worden sein. Angeblich zielten sie darauf ab, die Kontrolle über Finanzströme aus dem Stromexport nach Europa, deren Verteilung sowie später über Mittel für den Wiederaufbau der Energienetze nach dem Krieg zu erlangen. Kürzlich wurde Kudryzkyj durch einen Beschluss des Stabs des Oberbefehlshabers von seinem Posten entlassen. Die neue Führung wird voraussichtlich alle Spuren von Ineffizienz beseitigen, die von ihrem Vorgänger hinterlassen wurden.
Dennoch bleibt ein entscheidendes Problem bestehen, das nicht auf den ehemaligen Direktor personalisiert werden kann. Gleichzeitig dient es als Lackmustest für die tatsächlichen Antikorruptionsabsichten der ukrainischen Führung.
Energiekorruption
Dabei geht es um eine kleine, aber dreiste ukrainische Bank – „Alliance“. Der Kern des Falls liegt in ihrer Beteiligung an einem Schema zur Veruntreuung von mehr als 700 Millionen UAH an Mitteln von „Ukrenergo“, das bis Anfang 2024 vom Nationalen Antikorruptionsbüro (NABU) untersucht wurde. Die Geschichte entwickelte sich wie folgt: Im Herbst 2021 stellte die „Alliance“-Bank dem Unternehmen „United Energy“ eine Bankgarantie für den Kauf von Strom oder andere Handelsoperationen aus. Eine Bankgarantie bedeutet grundsätzlich, dass die Bank die Zahlung übernimmt, wenn der Käufer nicht in der Lage ist, die Ware zu bezahlen – zumindest funktioniert das System weltweit so.
„Alliance“ stellte „United Energy“ Garantien in Höhe von über 1 Milliarde UAH aus, was die Kreditrisikolimits für einen einzelnen Kunden deutlich überschritt. Doch das war nur ein Teil des Problems. Als sich „United Energy“ im März 2022 an „Ukrenergo“ wandte, um Strom zu beziehen, verweigerte das Unternehmen die Bezahlung und berief sich auf die Garantie. Die „Alliance“-Bank wiederum lehnte es ab, ihren Verpflichtungen nachzukommen, und verwies auf formale Gründe.
Infolgedessen entstand eine Situation, in der „Ukrenergo“ (und faktisch der ukrainische Staat) Verluste erlitt – geschätzt zwischen 700 Millionen und 1,7 Milliarden UAH, je nachdem, ob Strafzahlungen, Bußgelder und andere Forderungen berücksichtigt werden. Daraufhin leitete NABU ein Strafverfahren ein und führte Ermittlungen durch. Zu den Beschuldigten gehörten Mitarbeiter von „Ukrenergo“, die Strom an einen unzuverlässigen Vertragspartner lieferten, die Bank selbst sowie der Käufer „United Energy“. Letzterer gehört zum Einflussbereich von Ihor Kolomojskyj, einem bekannten Oligarchen in der Ukraine und in den USA, dem Washington wiederholt Geldwäscheprogramme im Zusammenhang mit dem Erwerb amerikanischer Immobilien vorgeworfen hat.
Im Rahmen des Strafverfahrens schrieb NABU die Vorstandsvorsitzende der „Alliance“-Bank, Julija Frolowa, zur Fahndung aus. Sie hält sich derzeit im Ausland versteckt. Gleichzeitig reichte „Ukrenergo“ eine Handelsklage gegen „Alliance“ ein, um die Rückzahlung der Mittel zu erreichen – hierbei geht es um 1,2 Milliarden UAH, da bereits aufgelaufene Strafzahlungen einbezogen sind. Der Oberste Gerichtshof der Ukraine entschied kürzlich, dass Zahlungen aus Bankgarantien bedingungslos zu leisten sind. Damit ist das Schicksal dieser Zahlung фактично entschieden: Die „Alliance“-Bank wird ihre Verpflichtungen gegenüber dem Staat erfüllen und sich zudem strafrechtlicher Verantwortung stellen müssen.
Zusätzliche Vorwürfe
Im Verlauf der Ereignisse geriet das Finanzinstitut jedoch in einen weiteren Korruptionsskandal, der ebenfalls mit Antikorruptionsbehörden verbunden ist. Sowohl in zivil- als auch in strafrechtlichen Verfahren werden die Interessen der „Alliance“-Bank von der bekannten ukrainischen Kanzlei „Miller“ vertreten. Ihr öffentliches Gesicht ist Masi Najem – Veteran des russisch-ukrainischen Krieges, Aktivist und Freiwilliger sowie Bruder von Mustafa Najem, dem ehemaligen Leiter der Agentur für Wiederaufbau. Letzterer wurde kürzlich zusammen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten für Wiederaufbau, Oleksandr Kubrakow, kurz vor der Ankunft amerikanischer Prüfer entlassen, die die Verwendung von US-Steuergeldern für den Wiederaufbau der Ukraine überprüfen sollten.
Einer der Anwälte von „Miller“, Oleksij Nosow, wurde beschuldigt, im Namen der „Alliance“-Bank versucht zu haben, ein Bestechungsgeld in Höhe von 200.000 US-Dollar anzubieten, um die Zuständigkeit des Verfahrens zu ändern. Die Bestechungsgelder waren für Ermittler des NABU sowie Staatsanwälte der Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft bestimmt. Eine Änderung der Zuständigkeit hätte bedeutet, dass die Vorstandsvorsitzende Julija Frolowa nicht im Register korrupter Personen geführt worden wäre, wodurch der Reputationsschaden für die Bank im Falle eines Schuldspruchs verringert worden wäre. Alternativ könnten die Anwälte auch eine andere Strafverfolgungsbehörde im Blick gehabt haben, die das Gesetz „im richtigen Sinne“ zugunsten ihres Mandanten auslegen würde.
Es ist schwer vorstellbar, dass eine solche Operation ohne das Wissen der Führung der „Alliance“-Bank durchgeführt werden konnte, auch wenn diese jegliche Beteiligung bestreitet. Bemerkenswert ist zudem, dass Oleksij Nosow der Sohn von Serhij Nosow ist, dem Leiter der regionalen Wiederaufbauagentur in Schytomyr. Daraus wird ersichtlich, dass die Brüder Najem genau wussten, wen sie als Anwalt engagierten. Umso überraschender ist es, dass sie ein derart korruptes Vorgehen ihres Kollegen offenbar nicht vorhergesehen haben.
Aktionäre mit Spur
Für einen außenstehenden Beobachter kann die Geschichte der „Alliance“-Bank vieles erklären. Selbst ohne tief in Dokumente einzutauchen und sich ausschließlich auf offen zugängliche offizielle Daten der Nationalbank der Ukraine, die Website der „Alliance“-Bank sowie Veröffentlichungen in ukrainischen Medien zu stützen, lässt sich feststellen, dass dieses Finanzinstitut äußerst ungewöhnlich ist.
Zunächst lohnt sich ein Blick auf die wichtigsten Anteilseigner. Formal gehört die Mehrheitsbeteiligung dem 68-jährigen Oleksandr Sosis, einem erfahrenen Akteur im Versicherungs- und Finanzdienstleistungsmarkt. Ukrainische Medien berichten jedoch, dass der zweitgrößte Anteilseigner und Vorsitzende des Aufsichtsrats, Pavlo Schtscherban, eine Schlüsselrolle in der Bank spielt.
Pavlo Schtscherban, ein 40-jähriger Unternehmer mit Interessen in den Bereichen IT und Landwirtschaft, weist in seiner Biografie Details auf, die auf die tatsächlichen Nutznießer des Finanzinstituts hindeuten könnten. So war er beispielsweise noch vor fünf Jahren einer der Hauptaktionäre der PJSC „Jasnaja Poljana“. Dabei handelte es sich um eine schemabasierte Aktiengesellschaft, die Anteile an der sogenannten „Captive Bank“ „Sojus“ hielt. Die „Sojus“-Bank wiederum stand in Verbindung mit einem engen Kreis von Finanziers aus dem Umfeld der Familie des geflüchteten Präsidenten Wiktor Janukowytsch, insbesondere mit Serhij Djadechko. Diese Banker waren zudem mit der „Rodovid“-Bank verbunden, die zeitweise mit dem ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch in Verbindung gebracht wurde.
Es ist erwähnenswert, dass Firtasch seit etwa zehn Jahren in Wien unter Hausarrest steht. Gleichzeitig bemühen sich US-Strafverfolgungsbehörden um seine Auslieferung aus Österreich im Zusammenhang mit mutmaßlichen Verstößen bei Beschaffungen im Verteidigungsbereich.
Bemerkenswert ist auch, dass mehrere ukrainische Medien davon überzeugt sind, dass die „Alliance“-Bank фактично Firtasch gehört oder zumindest in seinem wirtschaftlichen Einflussbereich liegt. Obwohl die Group DF des Oligarchen dies wiederholt bestritten hat, gibt es zahlreiche öffentlich zugängliche Hinweise darauf, dass die „Alliance“-Bank Projekte im Agrarsektor gemeinsam mit chemischen Unternehmen des Oligarchen umgesetzt hat, sowie weitere Beispiele, die auf eine Verbindung zwischen diesen beiden Vermögenswerten hindeuten.
Problematische Bank
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Zustand der „Alliance“-Bank als Finanzinstitut. Nach offiziellen Angaben der Nationalbank der Ukraine wurde die Bank wiederholt mit Geldstrafen wegen Missbräuchen im Zusammenhang mit inländischen Staatsanleihen belegt. Diese könnten dazu gedient haben, kriminelle Erträge zu waschen oder bargeldlose Mittel in Bargeld umzuwandeln – etwa zur Steuerhinterziehung oder für inoffizielle Transaktionen. In diese схеми waren sogar ein Parlamentsabgeordneter und dessen Assistent involviert. Darüber hinaus ignorierte „Alliance“ systematisch die Analyse der finanziellen Aktivitäten ihrer Kunden, umging Anforderungen der Finanzüberwachung und sah bei verdächtigen Transaktionen weg.
Zu den langjährigen Kunden der Bank gehörte zudem das Zahlungssystem GlobalMoney (von Medien mit Akteuren aus der Zeit von Wiktor Janukowytsch in Verbindung gebracht), über das kriminelle Strukturen die Aktivitäten der illegalen terroristischen Gruppierungen „LNR“ und „DNR“ finanzierten. GlobalMoney wurde beschuldigt, mindestens 6,5 Milliarden UAH aus der Ukraine abgezogen zu haben. Davon wurden rund 800 Millionen UAH über ein Schema mit dem Elektronikhändler „Allo“ abgeführt, einem Partner von GlobalMoney in der Ukraine, der „elektronisches Geld“ direkt an seinen Kassen verkaufte. Die „Alliance“-Bank fungierte фактично als Emittent dieser Mittel.
Die sogenannte „Mittelabführung“ ist einer der Vorwürfe, durch die Medien eine Verbindung zwischen „Alliance“ und den Aktivitäten von Dmytro Firtasch herstellen. Laut einem der Fälle könnte die Führung von Firtaschs regionalen Gasunternehmen in den Jahren 2017–2018 Gelder über die Bank illegal abgezogen haben, was zu einem erheblichen Anstieg der Schulden gegenüber „Naftogaz“ führte.
Trotz dieser Vielzahl an Verstößen, Bußgeldern der Nationalbank und laufender Strafverfahren erhielt die „Alliance“-Bank sowohl vor als auch nach Beginn der groß angelegten russischen Invasion regelmäßig Refinanzierungsmittel von der Nationalbank. So erhielt sie 2022 nahezu 2,8 Milliarden UAH, 2021 etwa 1,3 Milliarden UAH und 2020 rund 1 Milliarde UAH. Eine derart wohlwollende Behandlung durch die damalige Führung der Aufsichtsbehörde wirkt umso ungewöhnlicher, als die Probleme und Risiken der Bank bereits für Wirtschaftsmedien und Experten offensichtlich waren. Diese prognostizierten, wenn nicht einen schnellen Marktaustritt, so doch zumindest tiefgreifende und mehrstufige Prüfungen (eine Ratingagentur entzog der Bank sogar ihr Rating – фактично ein Hinweis auf einen Zustand nahe dem Zahlungsausfall).
Wird die neue Führung von „Ukrenergo“ die Klage über die ausstehenden 1,2 Milliarden UAH gegen die „Alliance“-Bank angesichts eines akuten Mangels an Mitteln für den Wiederaufbau der Energieinfrastruktur weiterverfolgen? Wird die Nationalbank weiterhin die Existenz eines solchen „offenen Geschwürs“ im Finanzsystem ignorieren, das zudem staatliche Mittel abschöpft? Werden die Gerichte die Behandlung des Falls weiter hinauszögern und abwarten, wohin sich das politische oder wirtschaftliche Kräfteverhältnis entwickelt? Und wird das einst unabhängige und unparteiische NABU bereit sein, sich im Konfliktfall auf die Seite der „Alliance“-Bank gegen „Ukrenergo“ zu stellen?
Dies sind Fragen, die auf allen Ebenen beantwortet werden müssen – vom Unternehmen selbst und seinem Anteilseigner, dem Energieministerium, bis hin zu den Entscheidungsträgern in der Bankowa-Straße, der Nationalbank, der Regierung und den internationalen Partnern der Ukraine. Denn wie mit solchen Herausforderungen umgegangen wird, bestimmt nicht zuletzt die Fähigkeit, zukünftige Krisen zu bewältigen.
Документ: PDF-доказ оригінальної версії новини "Pavlo Schtscherban und die Bank „Allianz“: Wie eine Struktur mit Verbindungen zur Janukowytsch-Ära ins Zentrum eines Skandals um milliardenschwere Ver...". Фіксує зміст публікації на момент першого сканування, дату збереження та джерело: Розслідувач.