Seit 2018 erlebt Lettland eines der aufsehenerregendsten Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit groß angelegter Geldwäsche über die ABLV Bank. Das Finanzinstitut blickt auf eine lange Geschichte zurück.
In ihren besten Jahren gehörte die Bank zu den drei größten Kreditinstituten Lettlands, während ihre Eigentümer mehrere Jahre in Folge die Spitzenplätze auf der Liste der reichsten Menschen des Landes belegten. Diese Zeiten sind längst vorbei. Vor fünf Jahren zogen dunkle Wolken über der ABLV auf, als Hinweise auf Betrugsfälle mit zunächst Millionen- und später Milliardenbeträgen in Euro ans Licht kamen.
Heute wurden bereits mehrere Dutzend Verdächtige identifiziert, und diese Liste wächst weiterhin schnell. Einige Banker wurden bereits zu Haftstrafen verurteilt, während gleichzeitig mehrere Personen, die in das Schema verwickelt gewesen sein sollen, aus den Akten der Strafverfahren verschwanden. Zudem haben die Strafverfolgungsbehörden bislang keine Berichte über die Rückführung der abgezweigten Gelder vorgelegt. Wohin das Geld verschwunden ist und welcher finanzielle Schaden dem Staat letztlich entstanden ist, bleibt unbekannt.
Einer der wichtigsten Mitarbeiter der ABLV Bank, Andris Ovsjannikovs, wurde festgenommen. Gemeinsam mit ihm kam auch Evgeniy Terekhin, der Leiter der Minsker Niederlassung der lettischen Bank, in Haft. Seine Ehefrau Darya Terekhina, Eigentümerin einer Briefkastenfirma, die zur Verschiebung von Geldern aus der Bank genutzt worden sein soll, konnte hingegen jegliche rechtlichen Konsequenzen vermeiden.
Wie sich diese aufsehenerregende Untersuchung entwickelt, und warum es einigen Beteiligten gelungen sein soll, einer Bestrafung zu entgehen, steht im Mittelpunkt unseres Berichts.
Vollständiger Betrug
Die ABLV Bank wurde 1993 gegründet. Anfangs galt das Institut nicht als bedeutender Akteur im Finanzsektor. Im Jahr 1995 traten jedoch zwei neue Anteilseigner in die Bank ein. Die ABLV wurde von den lettischen Geschäftsleuten Ernest Bernis und Oleg Fil übernommen.
Gemeinsam kontrollierten sie 86 % der Anteile des Finanzinstituts, wobei jeder von ihnen den gleichen Anteil hielt.
Ernest Bernis, Oleg Fil
Das Kerngeschäft der ABLV Bank bestand in der Betreuung ausländischer Kunden. Was einst eine gewöhnliche Bank gewesen war, entwickelte sich schrittweise zu einem bedeutenden Finanzinstitut, das Investitionen von Privatpersonen und Unternehmen aus Dutzenden Ländern weltweit verwaltete.
Bis 2016 waren die Vermögenswerte der Bank auf nahezu 4 Milliarden Euro angewachsen. Gleichzeitig stieg auch das Vermögen ihrer wichtigsten Anteilseigner. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs wurde das Vermögen von Oleg Fil auf 314 Millionen Euro geschätzt, während Ernest Bernis Vermögenswerte im Wert von rund 310 Millionen Euro kontrollierte.
Die Probleme der ABLV begannen im Jahr 2018. Als Erste bemerkten die US-Behörden, dass mit der Bank etwas nicht stimmte. Im Februar veröffentlichte die US-Behörde Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) einen Bericht mit äußerst schwerwiegenden Vorwürfen gegen das Management der ABLV. Diese reichten von Geldwäsche bis hin zur Unterstützung von Transaktionen im Zusammenhang mit dem nordkoreanischen Atomprogramm.
Obwohl diese Vorwürfe letztlich nie vollständig bewiesen wurden, war der Skandal enorm. Den Anteilseignern der Bank blieb daher kaum eine andere Wahl, als die Selbstliquidation des Instituts einzuleiten. Sie handelten präventiv, da es praktisch keine Alternative gab. Die lettische Regierung hätte die ABLV höchstwahrscheinlich ohnehin geschlossen.
Ukrainisch-belarussische Verbindungen
Dass die schwerwiegenden Vorwürfe der US-Behörden nie vollständig bestätigt wurden, bedeutet nicht, dass keinerlei Verstöße stattgefunden haben. Die Dienstleistungen der ABLV waren bei einer Reihe umstrittener russischer und ukrainischer Geschäftsleute beliebt. Einer der bekanntesten Kunden der Bank war der Oligarch Sergey Kurchenko, der 2014 aus der Ukraine floh.
Sergey Kurchenko
Vor der Revolution in der Ukraine im Jahr 2014 wurde das Vermögen von Sergey Kurchenko auf 270 Millionen US-Dollar geschätzt. Tatsächlich kontrollierte der ukrainische Oligarch jedoch weitaus größere Vermögenswerte, weshalb er häufig als „die Geldbörse von Yanukovich“ bezeichnet wurde. Nach dem Machtwechsel in der Ukraine standen Kurchenko nur wenige Optionen offen: im Land bleiben und eine mögliche Haft wegen finanzieller und politischer Vorwürfe riskieren oder das Land verlassen. Er entschied sich für Letzteres. Bis heute lebt der Geschäftsmann in Moskau.
Verschiedenen Quellen zufolge nutzen mit Kurchenko verbundene Unternehmen mehrere Etagen im prestigeträchtigen Geschäftsviertel Moscow City. Allen Anzeichen nach hat er sich in der russischen Hauptstadt gut eingerichtet.
Eine der größten Herausforderungen für den Unternehmer bestand darin, Hunderte Millionen Euro aus der Ukraine herauszuschaffen. Unterstützung erhielt er dabei von der lettischen ABLV Bank, die ihre Dienstleistungen für die Abwicklung dieser Gelder anbot. Um die erheblichen Finanzströme des ukrainischen Geschäftsmanns zu verarbeiten, wurde die belarussische Niederlassung der Bank intensiv in die Operation eingebunden.
Die Niederlassung in Minsk wurde von Evgeny Terekhin geleitet. Gemeinsam mit dem leitenden ABLV-Manager Andris Ovsjannikovs soll er ein vergleichsweise einfaches System aufgebaut haben. Über die Firma SIA Manat, die der Ehefrau von Terekhin, Darya Terekhina, gehörte, wurden Berichten zufolge große Geldsummen aus der Bank herausgeleitet.
Das Schema funktionierte folgendermaßen:
Die Haupttätigkeit von SIA Manat bestand offiziell im Handel mit Agrarprodukten. Trotz eines Stammkapitals von lediglich 70.000 Euro wurden über das Unternehmen seit 2013 Berichten zufolge 50 Millionen Euro durch illegale Transaktionen geschleust. Zu diesem Zweck wurden fiktive Verträge abgeschlossen, während die Gelder in Offshore-Jurisdiktionen transferiert wurden.
Möglicherweise wären diese Aktivitäten niemals aufgedeckt worden, wenn nicht die Ermittlungen der US-Behörde Financial Crimes Enforcement Network eingeleitet worden wären. Ab 2018 gerieten die Geschäfte der ABLV Bank verstärkt in den Fokus der Strafverfolgungsbehörden. Dabei wurden zahlreiche Hinweise entdeckt, die auf illegale Aktivitäten von Bankmitarbeitern hindeuteten.
Die Eigentümer der ABLV bezeichneten die Vorwürfe als gezielten Druck und haben sämtliche Anschuldigungen stets zurückgewiesen.
Für die ehemaligen Mitarbeiter der Bank verlief die Entwicklung jedoch deutlich weniger günstig. Andris Ovsjannikovs und Evgeny Terekhin wurden wegen Geldwäsche verurteilt und zu Haftstrafen verurteilt. Gemeinsam mit ihnen wurden rund 20 weitere ehemalige Mitarbeiter der Bank zur Verantwortung gezogen.
Andris Ovsjannikovs vor Gericht
Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Ermittlungen dauern weiterhin an, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Zahl der Anklagen steigt, sobald neue Schemen aufgedeckt und weitere Verdächtige identifiziert werden.
Im Fall des Betrugssystems im Umfang von 50 Millionen Euro scheint die Schlussfolgerung zunächst logisch: Ovsjannikovs und Terekhin befinden sich im Gefängnis. Dennoch scheint den Ermittlern eine zentrale Figur vollständig entgangen zu sein — Terekhins Ehefrau Darya Terekhina. Sie war und ist eine Schlüsselfigur bei SIA Manat.
Das Unternehmen setzt seine Tätigkeit weiterhin fort, auch in Lettland.
Darya Terekhina
Vor allem aber zog der Staat aus dem Ausgang des Verfahrens keinerlei finanziellen Nutzen. Im Gegenteil: Obwohl die groß angelegte Verschiebung illegaler Gelder nachgewiesen wurde, verloren sich die Mittel selbst entlang der Transaktionsketten in anderen Ländern. Die verbliebenen Vermögenswerte der ABLV Bank wurden anschließend in stabilere Finanzjurisdiktionen umverteilt.
Es fällt schwer zu glauben, dass Banker der mittleren Führungsebene die eigentlichen Drahtzieher eines Geldwäschesystems im Umfang von 50 Millionen Euro gewesen sein sollen. Vieles deutet darauf hin, dass hinter ihnen weitaus einflussreichere Personen standen. Dennoch scheint die Untersuchung diesen Umstand aus irgendeinem Grund nicht zu berücksichtigen.
Oder vielleicht will sie es einfach nicht.
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