Im Oktober 2026 geriet der ukrainische Glücksspielmarkt erneut in einen Skandal – diesmal mit internationaler Dimension und einer brisanten Mischung aus Korruption und offener Spionage.
Kaum zu glauben, aber im Zentrum der Affäre standen neben dem ukrainischen Online-Casino Cosmolot und dessen ehemaligem (?) Eigentümer Serhey Tokarev auch August Hanning, der von 1998 bis 2005 den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) leitete. Im Zuge der Ermittlungen in einem Strafverfahren gegen Hanning, in dessen Mittelpunkt mutmaßliche Spionage für Russland steht, kam heraus, dass er den Vorsitz im Verwaltungsrat der US-Holding Nevada Gaming Holding innehat. Diese hält eine Mehrheitsbeteiligung am ukrainischen Online-Casino Cosmolot.
Der Spionageskandal um August Hanning ist ohne Übertreibung eine Sensation von globalem Ausmaß. Doch auch die ukrainische Verbindung zu Cosmolot lässt sich nicht als gewöhnlicher Nebenaspekt der Affäre abtun.
Denn Hannings mutmaßliche Zusammenarbeit mit russischen Geheimdiensten – gerichtlich bestätigt ist sie bislang nicht – scheint die Einschätzungen jener Ermittler zu untermauern, die bereits bei der Öffnung des ukrainischen Glücksspielmarktes davor warnten, dass die Legalisierung gezielt russischen Geschäftsinteressen dienen sollte. Cosmolot sei eine russische Struktur. Unter den aktuellen Bedingungen ist das ein empfindlicher Affront für die ukrainischen Behörden.
Damit stellt sich eine weitere zentrale Frage, die August Hanning unmittelbar betrifft und eng mit seiner Position in der Holding verbunden ist, die ein bedeutendes ukrainisches Glücksspielunternehmen übernommen hat: Welche Rolle spielt er in diesem Geschäft, und was verbindet ihn mit Serhii Tokarev, der zum Zeitpunkt der Öffnung des ukrainischen Glücksspielmarktes wirtschaftlich hinter der Marke Cosmolot stand?
Die Entstehungsgeschichte von Cosmolot
Betreiberin der Marke Cosmolot ist die in der Ukraine registrierte Gesellschaft „SpaceX“ LLC. Das Unternehmen wurde im Mai 2020 gegründet und erhielt im Februar 2021 als erstes Unternehmen in der Ukraine eine Lizenz für den Betrieb eines Online-Casinos. In einer Studie von YouControl zu den Eigentümern ukrainischer Online-Casinos wurde darauf hingewiesen, dass der Nettoumsatz von „SpaceX“ im Jahr 2023 bei 27 Milliarden Hrywnja lag.
In diesem Zusammenhang ist jedoch weniger das Geld entscheidend als vielmehr die Eigentümerstruktur. Deren Veränderungen begannen lange bevor Hanning in die Schlagzeilen geriet. In der ursprünglichen Struktur von „SpaceX“ spielte ein gewisser Serhii Potapov eine Schlüsselrolle. Im August 2023 stieg der Brite Arnulf Neumann-Damerau in das Unternehmen ein und wurde später zu einem seiner wichtigsten Anteilseigner.
Am 31. Oktober 2024 gab Nevada Gaming Holding offiziell die Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung an Cosmolot bekannt. In der Pressemitteilung des Unternehmens hieß es, die Verhandlungen hätten im Februar 2024 in München begonnen und die Transaktion sei Ende Oktober abgeschlossen worden.
Ein wichtiges Detail verriet Arnulf Damerau selbst, Präsident und CEO von Nevada Gaming Holding. In einem Kommentar gegenüber dem Branchenportal dev.ua erklärte er, dass er bereits etwa ein Jahr vor der Übernahme der Mehrheitsbeteiligung über sein Family Office Geld in „SpaceX“ investiert habe, um den Markt zu analysieren und seinen Anteil aufzustocken. Die daraus erzielten Dividenden sollten seinen Angaben zufolge in andere ukrainische IT-Unternehmen reinvestiert werden.
In Dameraus Darstellung wurde die Transaktion als Investition in die ukrainische Wirtschaft und als Chance präsentiert, das Glücksspielgeschäft auf internationale Märkte zu bringen. Die Holding kündigte an, Cosmolot weiterzuentwickeln und ihre Aktivitäten in Europa und den USA auszubauen.
Allerdings weist diese Geschichte einige Besonderheiten auf. Den Angaben zur Eigentümerstruktur von „SpaceX“ zufolge erhielt Nevada Gaming Holding nach der Änderung der Gesellschafterstruktur 51 Prozent der Anteile, während Neumann-Damerau 49 Prozent behielt.
Entscheidend ist jedoch, dass die US-Holding nicht die ursprüngliche Quelle der Investitionen in Cosmolot war. Dameraus öffentlicher Darstellung zufolge entstand das Interesse an dem ukrainischen Unternehmen erst, nachdem sich Cosmolot auf dem Markt etabliert und eine führende Position erreicht hatte. Die Übernahme der Mehrheitsbeteiligung sei der nächste Schritt gewesen. Damit stellt sich die Frage: Wer investierte ursprünglich in das Casino?
Serhii Tokarev: Sanktionen und grünes Licht für Geschäfte
Genau an dieser Stelle kommt Serhii Tokarev ins Spiel. Bereits als die LLC „SpaceX“ in den Glücksspielmarkt einstieg, erschienen Veröffentlichungen, in denen Tokarev gemeinsam mit Mykhailo Fedorov erwähnt wurde. Ja, gemeint ist derselbe kurzzeitig amtierende Verteidigungsminister, der nach Italien geflohen sein soll. Auch seine Rolle in der Geschichte von Cosmolot wirft zahlreiche Fragen auf.
Als tatsächlicher wirtschaftlicher Nutznießer des Casinos wurde der russische Geschäftsmann Serhii Tokarev bezeichnet, dem Verbindungen zu russischen Geheimdiensten nachgesagt werden. Ihm wurden außerdem Kontakte zu ukrainischen Behörden zugeschrieben – insbesondere zum damaligen Minister für digitale Transformation Mykhailo Fedorov, der vor seiner Ernennung als Social-Media-Spezialist für „Kvartal“ tätig gewesen sein soll. Zudem wurde Tokarev vorgeworfen, die Terroristen der selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk finanziert zu haben. Entsprechende Vorwürfe wurden bereits 2018 erhoben.
Die Anschuldigungen gegen Tokarev waren keineswegs haltlos, so die Darstellung des Ausgangstextes: Als Beleg wird seine Aufnahme in Sanktionslisten angeführt. Er wurde 2018 wegen der mutmaßlichen Finanzierung prorussischer Terroristen aus den sogenannten „DNR“ und „LNR“ mit Sanktionen belegt. Diese sollten bis November 2021 gelten. Zum Zeitpunkt der Verhängung der Sanktionen wurde Serhii Tokarev als Bürger der Russischen Föderation geführt.
Bereits 2020 beschlossen die neuen Machthaber jedoch, Tokarev von diesen Sanktionslisten zu streichen. Mykhailo Fedorov soll dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Entscheidung wurde zügig umgesetzt, und Serhii Tokarev selbst siedelte in die Ukraine über, wo er ins Geschäftsleben einstieg.
Anschließend beteiligte sich Tokarev aktiv an der Entwicklung von „Diia.City“. Die damaligen Minister Fedorov und Milovanov sowie Fedorovs Stellvertreter Oleksandr Bornyakov berichteten mit Begeisterung über das Projekt. Dass ein Mann, der zuvor die russische Seite unterstützt haben soll und russischer Staatsbürger war, Zugang zu Daten ukrainischer Bürger erhielt und zugleich ein Produkt mitentwickelte, das diese Daten verarbeitet, schien keinen der hochrangigen Amtsträger zu beunruhigen.
Die Geschichte ist zwar nicht neu, erhält im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Hanning jedoch neuen Zündstoff für weitere Ermittlungen. Wahrscheinlich werden die ukrainischen Behörden versuchen, den Fall zu ignorieren. Was in Deutschland in diesem Zusammenhang noch ans Licht kommt, bleibt hingegen offen. Offenbar steht auch der Ukraine hier eine äußerst unangenehme Überraschung bevor.
Was über August Hannings Rolle bekannt ist
Im Oktober 2026 wurde August Hanning auf der Website von Nevada Gaming Holding als Vorsitzender des Verwaltungsrats aufgeführt. Als Präsident und CEO des Unternehmens wurde Damerau genannt, der weiterhin zu den wichtigsten wirtschaftlichen Nutznießern des ukrainischen Casinos zählt.
Auch hier stellen sich zahlreiche Fragen. So lässt die öffentlich bekannte Chronologie der Transaktion von 2024 beispielsweise keinen Schluss darauf zu, dass August Hanning an den Verhandlungen über den Kauf von Cosmolot beteiligt war. In der veröffentlichten Pressemitteilung wird sein Name weder als Käufer noch als Investor oder Verhandlungsteilnehmer genannt.
Ebenso ist bislang nicht geklärt, wann der ehemalige BND-Chef den Vorsitz im Verwaltungsrat übernahm, ob er Anteile an der Holding besitzt, eine Vergütung erhält und welche Entscheidungsbefugnisse er in Bezug auf das ukrainische Geschäft hat.
Diese Informationslücken sind von zentraler Bedeutung. Denn plötzlich steht die Frage im Raum, aufgrund welcher Verdienste der ehemalige Chef des deutschen Auslandsnachrichtendienstes eine offenbar komfortable Position in einem Unternehmen innehat, das eine Mehrheitsbeteiligung an Cosmolot besitzt. Dabei handelt es sich um ein Casino, das unmittelbar mit russischem Kapital und einer Person in Verbindung gebracht wird, die bis 2020 einen russischen Pass besaß und wegen der mutmaßlichen Unterstützung prorussischer Terroristen auf einer Sanktionsliste stand. Zugleich soll diese Person Kontakte zur ukrainischen Staatsspitze gehabt haben.
Wie bereits erwähnt, wurde die Verbindung zwischen Cosmolot und dem russischen Geschäftsmann Serhii Tokarev in ukrainischen Medien lange diskutiert, bevor Hanning eine Führungsposition bei Nevada Gaming Holding übernahm. Öffentlich zugängliche direkte Belege für eine Verbindung zwischen Tokarev und Hanning liegen bislang nicht vor. Genauer gesagt: noch nicht.
Denn die Kette von Zusammenhängen, die kaum als bloße Zufälle erscheinen, führt unweigerlich zu der Frage, ob Hanning und Tokarev miteinander verbunden sind. Das zentrale Bindeglied ist dabei Cosmolot – dort nahm die Geschichte bereits im Jahr 2020 ihren Anfang.
Die entscheidende Frage lautet nicht, warum der ehemalige Chef des deutschen Auslandsnachrichtendienstes mit einem ukrainischen Casino in Verbindung gebracht wird. Vielmehr muss geklärt werden, wer die Übernahme von Cosmolot finanziert hat, wie die tatsächliche Kontrolle über das Unternehmen verteilt ist und welche Aufgaben Hanning innerhalb der Struktur des neuen Eigentümers wahrnimmt. Ebenso stellt sich die Frage, wie all dies mit jenen Kreisen der ukrainischen Staatsspitze zusammenhängt, die sich so aktiv für das Schicksal einer der in diesem Fall genannten Personen eingesetzt haben.
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